Seminar Rennes 1994/1995
Goethes „Wahlverwandtschaften“: Mythos und Roman
Goethe erklärt den Titel seines Romans in der Selbstanzeige vom 4.9.1809 im „Morgenblatt für gebildete Stände“ wie folgt: „Es scheint, daß den Verfasser seine fortgesetzten physikalischen Arbeiten zu diesem seltsamen Titel veranlassten. Er mochte bemerkt haben, daß man in der Naturlehre sich sehr oft ethischer Gleichnisse bedient, um etwas von dem Kreise menschlichen Wissens weit Entferntes näher heranzubringen, und so hat er auch wohl in einem sittlichen Falle eine chemische Gleichnisrede zu ihrem geistigen Ursprunge zurückführen mögen...“
Die Arbeit an Goethes Roman und seiner fiktiven Welt soll die Verhältnisse von Natur und Ethik, Notwendigkeit und Freiheit, Mythos und Roman durch eine genaue Lektüre am Text selbst erhellen. Folgende formsemantische Komplexe sollen dabei in den Blick genommen werden:
1.Tagebuch und Roman
2.Novelle und Roman
3.Legende und Roman
4.Goethes Prosa der „Entsagenden“ – „Die „Wahlverwandtschaften“ und „Wilhelm Meisters Wanderjahre“
5.Der Kunstroman und sein Erzähler – Humor und (romantische?) Ironie
6.Liebe und Ehe – „Poesie des Herzens“ und „Prosa der Verhältnisse“ (Hegel, „Ästhetik“)
7.“Ein reicher Baron“ – Privates und Öffentliches
10.“Natura naturata“ und „natura naturans“ – Natur als schöne Landschaft und Natur als dämonische Macht
11.Schicksal und Entscheidung – mythische Notwendigkeit oder sittliche Freiheit
12.Sprechen und Verstummen – Symbol und/oder Allegorie
Texte:
Johann Wolfgang von Goethe, Die Wahlverwandtschaften. Ein Roman (1809). Mit einem Nachwort von Ernst Beutler, Reclam 7835.
Erläuterungen und Dokumente: J.W.Goethe, Die Wahlverwandtschaften, hg. v. U.Ritzenhoff, Reclam 8156.